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Familie

Großeltern kämpfen um ihre Enkel

Großeltern sind ein ganz wichtiger Teil des Familiengefüges. Sie gehören für die Kinder einfach dazu.

Vom Recht auf eine wichtige Beziehung: Großeltern sind ein ganz wichtiger Teil des Familiengefüges. Sie gehören für die Kinder einfach dazu. Sie sind Teil ihrer Wurzeln.

 

Liebe Eltern, schön, dass
ihr Rebecca am Wochenende
zu euch nehmen könnt.
Bitte beachtet aber folgende
Hinweise, sonst wird
es einfach Stress mit der
Kleinen. Sie braucht ihre
feste Tagesstruktur:

6.30 Uhr: Aufstehen,
eine halbe Flasche Milch
(fettarm und nur Bio)
auf 28 Grad erhitzt,
in der gelben Flasche mit
dem roten Nuckel dran

6.50 Uhr: Windeln (bitte
nur die verwenden, die ich
mitgegeben habe! Eincremen
nicht vergessen. Die Creme
nicht zu dick auftragen.
ca. 2mm)

7.00 Uhr: Aufenthalt an der
frischen Luft – Achtung:
Rebecca darf noch nicht
allein schaukeln, Vorsicht an dem
großen Klettergerüst, das kleine
Klettergerüst ist für sie besser geeignet …

 

Der Text füllt zwei eng beschriebene Seiten. Ab und an sind ein paar Dinge mit einem roten Filzstift unterstrichen.

Margit und Helmut Eisen hatten sich so auf das erste Wochenende gefreut, an dem sie
ihre 11 Monate alte Enkeltochter allein bei sich zu Hause haben sollten und nun dieser Zettel. „Am Anfang war ich ganz verunsichert, später wurde ich einfach wütend. Traut uns unsere Schwiegertochter denn
nicht zu, dass wir Rebecca ein Wochenende lang betreuen können?“ Noch immer spürt man die Entrüstung in Margit Eisens Stimme. „Schließlich haben wir selbst vier Kinder groß gezogen und eines davon ist der Mann, den sie geheiratet hat. Der kann doch nicht so missraten sein, dass sie uns jegliche Erziehungskompetenz abspricht.“

Hannelore und Günter Kaltrein wären vielleicht sogar dankbar, wenn es solch einen detaillierten Zettel gäbe. Es ist mittlerweile zehn Jahre her, dass sie ihre beiden Enkelkinder das letzte Mal sehen durften. Die Große war damals 3 Jahre, der Kleine nur wenige Monate alt. Dann trennten sich der Sohn und die Schwiegertochter. Damit kam auch für die Großeltern das Aus.

Was die Eisens und die Kaltreins gerade erleben, ist ein Thema, auf das Experten und Gesetze nicht vorbereitet sind, bei dem die Betroffenen als traurige Einzelfälle behandelt werden. Doch mehr und mehr Großeltern versuchen, ihrer Hilflosigkeit und ihrem Ärger Luft zu machen. Sie organisieren sich und vermitteln speziell geschulte Psychologen und Rechtsanwälte. Denn erst im September 2009 wurde der Gesetzestext wenigstens dahingehend geändert, dass auch Kinder das Recht haben, mit ihren Großeltern Kontakt zu pflegen. „Großeltern sind ein ganz wichtiger Teil des Familiengefüges. Sie gehören für die Kinder einfach dazu. Sie sind Teil ihrer Wurzeln“, sagt Familientherapeut Hans Dusolt, in dessen Praxis immer häufiger auch Großeltern kommen, die keinen oder nur einen sehr eingeschränkten Kontakt zu ihren Enkelkindern haben dürfen. „Das Problem ist: Jeder Fall ist anders. Es gibt keinen Königsweg.“ Während in der einen Situation der Gang zum Rechtsanwalt richtig ist, kann in einem anderen Fall eine juristische Auseinandersetzung Gift für die Beziehung sein. „Wenn eine Seite nicht bereit ist, einen Konflikt zu lösen“, meint auch die Mediatorin Christina Schmidt, „kann man einfach nichts machen. Es braucht immer zwei Parteien, die willens sind.“

Wichtig ist, da sind sich Psychologen weitgehend einig, dass die Großeltern zunächst keine Forderungen an ihre Kinder richten, sondern ihre Ängste schildern, also Ich-Botschaften senden. Im Falle von Familie Eisen würde das bedeuten, dass Margit Eisen ihrer Schwiegertochter schildert, welche Gefühle so ein Zettel bei ihr auslöst. Die Kaltreins wiederum könnten versuchen, ihrer Schwiegertochter einen Brief zu schreiben, in dem sie formulieren, wie sehr sie unter der Trennung leiden; wenn sie den eigenen Schmerz beschreiben, besteht die Hoffnung, dass er wahrgenommen und beachtet wird.

Claudia Hempel

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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Link-Tipp

Mehr Informationen zum Thema im Internet:
www.grosseltern-initiative.de