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Familie

Du bist nicht meine Mutter

„Du hast mir gar nichts zu sagen, du bist nicht meine Mutter.“ Ein Satz, der in Patchworkfamilien wohl häufig fällt, wenn ein Konflikt zwischen Kind und Erwachsenem eskaliert. Was ist die angemessene Reaktion? Und vor allem, wie schafft man eine freundschaftliche Familienkultur in Patchworkfamilien? Jürgen Magister hat sich mit den Eheleuten Thomas und Grit K. aus Dresden darüber unterhalten.

Hinter der Wohnungstür lärmen Kinderstimmen. Auf mein Klingeln hin schwillt das Geschrei an. Die Kinder streiten sich offenbar darüber, wer die Tür aufmachen darf. Schließlich öffnet ein Mädchen, während ihr Widerpart heulend in der Tiefe der Wohnung verschwindet. „Bei uns geht es meist so turbulent zu“, begrüßt mich Hausherr Thomas K. und bittet mich ins Wohnzimmer, wo seine Frau Grit eben damit beschäftigt ist, den empört schreienden Unterlegenen im Türstreit zu beruhigen. „Das ist Benjamin, unser Jüngster“, stellt Thomas ihn vor. Der Junge ist 4 Jahre alt und der gemeinsame Sohn der beiden. Die 7-jährige Anne hat Grit mit in die Ehe gebracht. 

Das Geschrei des Kleinen ebbt ab. Schließlich willigt er ein, mit der großen Schwester in deren Zimmer zu spielen. Gelegenheit für das Gespräch, zu dem wir verabredet sind. Grit und Thomas sitzen mir gegenüber. Ein Bild der Harmonie. Er ist Selbständiger mit einer kleinen Internetfirma, sie Angestellte. Drei Jahre sind sie nun verheiratet. Beide nicht zum ersten Mal. Ich weiß, auch Thomas hat eine Tochter aus einer gescheiterten Ehe, die 10-jährige Rebecca. Auf meine Frage hin erzählt er: „Rebecca ist meist am Wochenende bei uns. Dann geht es hier besonders lebhaft zu. Sie ist sehr aufgeweckt.“ „Das kann man wohl sagen“, wirft Grit ein und Thomas kann sich eines Schmunzelns nicht erwehren. „Anne und Benjamin schauen sich viel von der großen Schwester ab. Manchmal stiftet sie die Kleinen zu Unsinn an, zeigt ihnen, wie man Mehl durch die Küche pustet oder das Bad unter Wasser setzt.“ So launig sich das in seiner Schilderung anhört: Es kommt schon mal zum Streit zwischen Grit und Thomas. „Eigentlich bin ich bestrebt, nichts gegen Rebecca zu sagen. Manchmal wird es mir aber doch zu bunt“, gesteht Grit. „Vor allem dann, wenn sich Thomas ihren Blödsinn seelenruhig anschaut und nichts dagegen unternimmt. Dann muss ich den Buhmann spielen. Rebecca hat mir schon manchmal an den Kopf geworfen: ‚Du bist nicht meine Mutter! Du hast mir gar nichts zu sagen.‘“ Man merkt Grit an, dass viel Zündstoff in dem Thema steckt. „Na ja“, erwidert Thomas, „meine Toleranzschwelle ist da vielleicht etwas höher als deine.“ „Was heißt hier Toleranzschwelle“, kontert Grit. „Du würdest nie etwas gegen Rebecca sagen, findest alles großartig, was sie macht. Aber wenn Anne mal Unsinn verzapft, dann wirst du ziemlich schnell prinzipiell.“ Sie spricht ein Problem an, mit dem viele Patchworkfamilien zu kämpfen haben: Oft fällt es dem Partner schwer, das Kind des anderen so zu behandeln wie das eigene. Meine Frage, ob die Auseinandersetzungen das Verhältnis zwischen Rebecca und Grit inzwischen dauerhaft beschädigt haben, beantworten beide Erwachsene dennoch mit einem klaren Nein. „Es kommt darauf an, wie man mit so einem Streit umgeht“, meint Grit. „Zum Glück fällt mir Thomas dann nicht in den Rücken, indem er sich mit Rebecca verbündet. Dann hätten wir wohl alle längst verloren. Nein, Thomas bleibt ruhig, nimmt Rebecca beiseite und spricht mit ihr.“

„So fühlt sie sich ernst genommen“, ergänzt Thomas. „Ich sage ihr, dass ich sie liebe, erkläre ihr aber auch die Gründe für Grits Kritik. Dadurch wird ihr klar, dass ich zu Grit stehe. Inzwischen akzeptiert sie das auch. Natürlich wird sie Grit nie als Mutter ansehen. Aber als gute Freundinnen kann man euch schon bezeichnen, oder?“ Er blickt Grit fragend an und sie stimmt ihm zu. „Es hat ein paar Jahre gedauert, aber jetzt sind wir ein ganz gutes Team.“

Jürgen Magister

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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Tipp:

  • Nicht sofort die heile Familie erwarten! Es dauert etwa fünf Jahre, bis sich in einer Patchworkfamilie alle vertraut sind und als Teil der Gemeinschaft fühlen.
  • Erziehungsfragen sollten mit dem neuen Partner abgesprochen werden. So fühlt er sich nicht übergangen und die Kinder erhalten keine widersprüchlichen Signale.
  • Kinder sollten zum getrennt lebenden Elternteil guten Kontakt haben. So finden alle leichter in die neue Lebenssituation.