Sie sind hier:
Familie

Der neue Partner ist mir wichtig

Patchwork lebt davon, dass man den Kindern den anderen Elternteil nicht wegnimmt und nicht schlecht über ihn redet. Es muss klar sein, wer Mutter und wer Vater ist.

Gabi (Krankenschwester, 41) erzählt von den Erfahrungen mit ihrer Patchwork-Familie. Seit zweieinhalb Jahren ist sie mit Falk (Informatiker, 42) zusammen. Er hat drei Jungen, heute im Alter von 8, 9 und 13 Jahren mit in die Beziehung gebracht, sie eine 14-jährige Tochter.

Noch sind sie nicht zusammengezogen, denn sie wollen es den Kindern nicht zumuten, die Schule zu wechseln. „Das getrennte Wohnen hat auch einige Vorteile“, sagt Gabi. „Die erste starke Verliebtheitsphase, die jedes Paar erlebt, verlängert sich. Und wenn man sich mal zurückziehen will, geht
es einfacher, wenn man nicht im gleichen Haushalt wohnt.“

Anfangs fiel es den Kindern schwer, den jeweils neuen Partner zu akzeptieren. Gabis Tochter war die ungeteilte Aufmerksamkeit der alleinerziehenden Mutter gewohnt. „Jetzt plötzlich eine große Familie zu sein, das ging gar nicht“, erinnert sich Gabi, „die Mama mit jemandem zu teilen, das war eine Riesenumstellung.“ Für die Jungen war es schwer, weil sich die Eltern gerade getrennt hatten, aber noch zusammen wohnten, als der Vater seine neue Partnerin fand. „Wir haben versucht, es sehr behutsam anzugehen und überlegt, was man den Kindern zumuten kann, was sie von Anfang an akzeptieren können.“ Mit gemeinsamen Wochenendausflügen haben sie begonnen. Dann hat Falk seine Jungs vorsichtig gefragt, ob sie sich vorstellen können, mit den zwei „Mädels“ in den Urlaub zu fahren. „Inzwischen ist Urlaub die schönste Zeit, die wir miteinander haben. Da ist für alle klar: Wir wohnen zusammen in einer Wohnung, und da kann es die kleinste Unterkunft sein, die wird geteilt. Die Kinder akzeptieren das und haben ihre Freude daran.“

Und Patchwork kann sehr spannend sein, denn alle Beteiligten erweitern ihren Erfahrungshorizont: „Plötzlich haben die Jungs eine ältere Schwester. Sie ist 14 und versucht nun ganz das Mädchen raushängen zu lassen. Dann sitzen drei Jungs mit offenen Mündern da und gucken erst mal zu. Sie kann sehr theatralisch sein und findet es toll, dass drei Jungs sie anhimmeln. Einmal saß der Kleine neben ihr. Wir haben gerade Kaffee getrunken, da gibt er ihr plötzlich einen Kuss auf den Oberarm. Sie hat dagesessen - ganz versteinert. Oh Gott, was war denn das?“ Gabi lacht und erzählt von Wasserschlachten, zu denen ihre Tochter die Jungs auf dem Grundstück ihres neuen Partners anstiftet, von Picknicks auf dem Garagendach. „Ich habe mittlerweile den Eindruck, sie findet es sehr positiv,
nicht allein zu sein, jemanden zum Spielen zu haben, endlich wieder Kind zu sein. Bei mir war sie über die Jahre doch eher zum Partner, zum Freund geworden und ich bin froh, dass sie diesen Sprung zurück in die Kindheit geschafft hat.“

Natürlich bedeutet Patchwork auch Stress. Gabi hat gelernt, dass ohne einen gut geführten Terminkalender gar nichts geht. Die Termine der Erwachsenen und der Kinder wollen koordiniert sein, zumal die Jungs die Hälfte der Zeit bei der Mutter und deren neuem Partner wohnen. Den Alltag oder einen gemeinsamen Urlaub zu planen, wird so zur logistischen Herausforderung. Wenigstens ist das Verhältnis zwischen Gabi und der Mutter der Jungen so entspannt, dass sie alles besprechen können. Diese gegenseitige Akzeptanz konnte wachsen, weil Gabi nie versucht hat, die Rolle der Ersatzmutter zu spielen. „Wichtig ist, dass die Erziehung nach wie vor in den Händen von Mutter und Vater liegt. Den Jungs ist es auch sehr wichtig, dass sie mal bei ihm und mal bei ihr sind. Am Anfang haben sie sich gewünscht, dass sie nach wie vor etwas mit Mutter und Vater zusammen unternehmen, einmal im Monat vielleicht. Aber ständig heile Familie zu spielen funktioniert nicht. Sie mussten akzeptieren lernen, dass das einfach nicht mehr geht.“

Zum Konflikt kam es beinahe wegen eines Klassikers: Heiligabend. „Die Jungs wollten, dass alle zusammen feiern. Als ich gehört habe, die Exfrau will Heiligabend auch dabei sein, da habe ich arg mit mir zu kämpfen gehabt. Meine Tochter hat dann gesagt: Aber Mama, das ist doch normal, es ist doch die Mutter.“ Schließlich sah die Lösung so aus: Gemeinsame Bescherung im Hause des Vaters, danach verlässt die Mutter die Runde, hat aber die Jungen während der Feiertage bei sich. Ein Kompromiss, der sicher allen Seiten nicht leichtgefallen ist.

„Patchwork lebt davon, dass man den Kindern den anderen Elternteil nicht wegnimmt, nicht schlecht über ihn redet. Es muss klar sein, wer Mutter und wer Vater ist“, zieht Gabi das Resümee. „Entscheidend ist aber auch, den Kindern zu zeigen, dass einem der neue Partner wichtig ist.“

Jürgen Magister

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

Was meinen Sie?