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Wir gewinnen alle!

Wenn Eltern sagen, worum es tatsächlich geht, werden sie auch besser verstanden.

Fernsehverbot, Taschengeldkürzung, Ausgehverbot – um ihre Erziehungsziele durchzusetzen, greifen Eltern häufig zu Verboten. Aber es geht auch anders. Erziehen ohne zu strafen, das war das Credo des Psychologen Thomas Gordon. Er hat das Prinzip der Konfliktlösung ohne Verlierer schon vor 30 Jahren beschrieben. Und es genießt immer noch eine hohe Akzeptanz.

„Ich habe beschlossen, zu deinem Geburtstag nur vier Gäste einzuladen.“ Wenn ein Mann diesen Satz zu seiner Ehefrau sagen würde, würde die wahrscheinlich frech antworten: „Und ich habe soeben beschlossen, dass du nicht eingeladen bist.“ Mit Beispielen wie diesen führt Psychologe Thomas Gordon Eltern vor Augen, wie es sich anfühlt, wenn man jemanden vor vollendete Tatsachen stellt. Gordon kritisiert, dass die meisten Eltern Konflikte nur nach ihren Vorstellungen lösen und dass sie dabei zu viel ermahnen, belehren und bewerten.

Gordon zufolge wenden 99 von 100 Eltern ungeeignete Kommunikationsmethoden an. Als Alternative empfiehlt er eine Konfliktbewältigung, bei der Eltern und Kinder gewinnen. Sie setzt voraus, dass man erst einmal zuhört, ohne zu werten. Wie im Beispiel eines kleinen Jungen, der sich die Finger verbrannt hat. Eine typische Erwiderung wäre: „Ist doch nicht so schlimm“ oder „Du sollst doch den Ofen nicht anfassen.“

Klaus: Oh, ich habe mir den Finger verbrannt; Au, das tut weh!
Mutter: Ach, das tut wirklich weh.
Klaus: Ja, guck mal, wie schlimm ich ihn verbrannt habe.
Mutter: Es fühlt sich an, als ob du ihn ganz schlimm verbrannt hättest.
Klaus: (hört auf zu weinen): Mach schnell etwas drauf.
Mutter: Gut. Ich hole Eis, um ihn zu kühlen, und dann geben wir eine Salbe darauf.

Gordon empfiehlt, Kinder in ihren Empfindungen zu bestätigen: „Kinder wollen wissen, dass man weiss, wie elend sie sich fühlen.“ Was man einmal durchgesprochen hat, erscheint nicht mehr so schlimm. Das gilt für 3-Jährige genauso wie für Teenager. Wer aktiv zuhört, hilft den Kindern, selbst eine Lösung für ihre Probleme zu finden.

In Konfliktsituationen sollte man auf Ich-Botschaften setzen. Denn Kinder hören es nicht gern, dass ihr Verhalten bei den Eltern ein Problem verursacht. „Ich-Botschaften“ sind wertfrei, so wie in den folgenden Beispielen:

Die Mutter arbeitet mit dem Staubsauger, das Kind zieht dauernd den Stecker raus.
Mutter: „Es hält mich wirklich auf, wenn ich dauernd den Stecker reinstecken muss. Mir ist nicht nach spielen zumute, wenn ich Arbeit zu erledigen habe.“ (Statt: „Hör auf mit dem Quatsch!“)
Das Kind sitzt mit sehr schmutzigen Händen am Tisch.
Vater: „Mir schmeckt das Essen nicht, wenn ich so viel Schmutz sehe. Ich verliere den Appetit, außerdem habe ich Angst, dass du krank wirst.“ (Statt: „Geh endlich Hände waschen!“)

Wenn Eltern sagen, worum es tatsächlich geht, werden sie auch besser verstanden. Kinder sind dann in der Lage, selbst die richtigen Schlüsse zu ziehen. Allerdings sollten „Ich-Botschaften“ möglichst positiv formuliert werden. Das gelingt, wenn man seinen ersten Empfindungen nachgibt, also herausfindet: Was bewegt mich wirklich?

Eine Frau und ihre 16-Jährige Tochter vereinbaren, dass sie um Mitternacht von der Party nach Hause kommen soll. Die Tochter kommt erst zwei Stunden später heim. Ich-Botschaften wie „Ich bin böse auf dich und enttäuscht, dass du dich nicht an die Abmachung gehalten hast“ betonen sehr das Negative.
Besser wäre es, seine ersten, ursprünglichen Empfindungen mitzuteilen: „Ich bin so froh, dass du da bist und dir nichts passiert ist!“

Kinder reagieren dann häufig überrascht, nach dem Motto: „Ich wusste nicht, dass dich das so ängstigt“. Konfliktsituationen wie diese sieht Gordon als „goldene Gelegenheiten“, unseren Kindern mitzuteilen, wie sehr wir sie lieben. Werden diese Gedanken glaubhaft vermittelt, dann „verwandelt sich bei den Kindern Gedankenlosigkeit nicht selten in Aufmerksamkeit“, so Gordon. Denn Kinder sind bereit, die Bedürfnisse der Eltern zu respektieren, wenn umgekehrt ihre eigenen Bedürfnisse respektiert werden. Konfliktsituationen in der Familie seien zudem gesund und sollten trainiert werden. Kinder sollen aber an der Konfliktlösung beteiligt werden. Denn: „Ein Mensch ist eher motiviert, eine Entscheidung in die Tat umzusetzen, bei deren Entstehung er beteiligt war“, so Gordon. In seinen Elternkursen konnten die Familien dann von erstaunlichen LoÅNsungen berichten.

Eine 15-Jährige hat keine Lust, ihr Zimmer aufzuräumen. Als die Mutter sie nach einer Lösung fragt, die sie beide akzeptieren könnten, kommt das Mädchen auf die Idee, sie würde gern zweimal die Woche abends kochen, weil sie das gern macht. Währenddessen könnte die Mutter ihr Zimmer aufräumen. Mit dieser Lösung sind beide zufrieden.

Das Gordon-Prinzip ist heute eines der am häufigsten wissenschaftlich untersuchten Trainingsprogramme für Eltern und Kinder aller Altersstufen. Zahlreiche Psychologen und Beratungsstellen bieten deutschlandweit spezielle Elternkurse an. Die Methode für das Lösen von Konflikten ohne Verlierer wird aber nicht nur für Familien, sondern auch für Lehrer, Erzieher, Führungskräfte und Fachkräfte medizinischer Berufe empfohlen.

Jana Olsen

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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Wissen Extra

Thomas Gordon (1918-2002) schrieb mehrere Bestseller, unter anderem „Die Familienkonferenz“, „Lehrer-Schüler-Konferenz“ und „Managerkonferenz“. Er war einer der Pioniere der humanistischen Psychologie und lebte in den USA. Für sein Modell „Konfliktlösung ohne Verlierer“ wurde er 1997, 1998 und 1999 für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.