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Kindheit in Gefahr

Menschenkinder brauchen eine artgerechte Erziehung.

Ich kam auf die Welt und wollte nicht allein sein in der dunklen Nacht. Aber was geschieht? Mutter legt mich weg, hinein in ein weiches Etwas. Und geht! Ich liege in der Finsternis. Todesangst überfällt mich. Kinder nachts allein im Zelt holt der Säbelzahntiger oder ein anderes Raubtier. Seit Hunderttausenden von Jahren ist das so. Ich weiß das genau. Es ist eingebrannt in meine Gene. Ohne Schutz bin ich verloren.

Ich schreie aus Leibeskräften. Endlich kommt Mutter, den Vater im Schlepptau. Sofort ergreift der Säbelzahntiger die Flucht. Ich strahle meine Retter an. „Na so ein gewiefter Schlingel“, sagt Mutter. „Wenn wir ihm das durchgehen lassen, tanzen wir nur noch nach seiner Pfeife“, brummt Vater. Ich weiß nicht, was er meint. Mutter steckt mir einen Schnuller in den Mund und sagt: „Wir dürfen ihn nicht zu sehr verwöhnen. Das schadet seiner Entwicklung.“ Sie sind sich einig und gehen, lassen mich allein! Der Tiger ist wieder da. Schon duckt er sich zum Sprung. Ich schreie um mein Leben. Doch diesmal rettet mich niemand.

Was brauchen Kinder wirklich? Theorien werden wie Religionen verkündet. Die Verunsicherung der Eltern ist groß. Soll das Baby im elterlichen Bett schlafen oder so früh wie möglich im eigenen? Ist die Krippe schädlich für eine gute Entwicklung? Verwöhnen wir das Kind zu sehr oder fehlen die Grenzen? Der Arzt Herbert Renz-Polster sagt es ziemlich drastisch: Kindererziehung ist eine Spielwiese für Spekulanten geworden, die jeden Unsinn in die Welt setzen. Jürgen Magister sprach mit ihm über sein neuestes Buch „Menschenkinder – Plädoyer für eine artgerechte Erziehung“.

Sie schreiben, eine „artgerechte“ Erziehung funktioniert nur, wenn wir das Verhalten der Kinder in den ersten Lebensjahren richtig verstehen. Sie ziehen da die menschliche Evolution zu Rate. Warum?

Hunderttausende von Jahren waren wir Jäger und Sammler. Diesen Lebensstil haben wir in unseren Breiten erst vor etwa 3000 Jahren aufgegeben. Und so lange diese Lebensweise auch zurück liegen mag, ist sie doch in den Kindern noch angelegt. Sie kommen mit dem gleichen Gefühlskleid auf die Welt, das Steinzeitkinder mit auf die Welt gebracht haben. Sie sind genauso nähebedürftig, genauso schutzbedürftig. Und sie empfinden die gleiche Angst, wenn diese Bedürfnisse nicht befriedigt werden.

Wie steht es mit der Angst vieler Eltern, ihre Kinder durch zu viel Nähe zu verwöhnen?

Nähe war in der Steinzeit die Eintrittskarte ins Leben. Die Kinder mussten bei ihren Bindungspersonen schlafen, sonst hätte ihnen Unterkühlung gedroht oder sie wären von Raubtieren verschleppt worden. Da frage ich mich: Wie könnte diese Nähe, die die Kinder zum Überleben brauchten, ihre Entwicklung behindern? Auch damals mussten Kinder selbstständig werden. Und sie wurden es, sonst gäbe es die Menschheit nicht mehr. Das bedeutet, dass es nicht die Nähe sein kann, die die Kinder an der Selbstständigkeit hindert.

Ist die Krippe schädlich?

Andere Betreuer als die Bindungspersonen sind aus evolutionärer Sicht kein Problem. Wenn die Mutter auf Sammelzüge ging, wurden die Kinder oft im Camp zurückgelassen und durch andere  Stammesmitglieder betreut. Entscheidend ist natürlich: Es waren keine fremden Menschen für das Kind. Wenn wir Kinder also in fremde Hände geben, dann muss der erste Schritt sein, dass aus den Fremden Vertraute werden. In Krippen ist der Betreuungsschlüssel aber oft ein Problem. Die Nähe, die Babys für
das Gefühl der Sicherheit brauchen, kann keine Betreuerin für sieben Kinder gleichzeitig aufbringen. Gegen Krippen ist an sich nichts einzuwenden, sofern die Qualität der Betreuung stimmt.

Muss man Kindern Grenzen setzen?

Natürlich brauchen Kinder Grenzen. Aber sie müssen sich mit Freiheiten die Waage halten. Kinder müssen selbst ihre Nischen finden, in denen sie sich entfalten können, denn nur sie wissen, was ihrem Naturell am meisten entspricht. Mangelnde Grenzen sind nicht unser Problem. Den Kindern fehlt vielmehr die Selbsttätigkeit. Sie werden durch die Kindheit gezogen und geschubst, dadurch können sie keine eigenen Stärken entwickeln, ihr Rückgrat, ihre Widerstandsfähigkeit nicht aufbauen.

Jürgen Magister

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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Lese-Tipp

Herbert Renz-Polster
Menschenkinder. Plädoyer für eine artgerechte Erziehung
Verlag: Kösel
ISBN 3466309301
192 Seiten
Preis: 17,99 Euro