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Gute Mutter, guter Vater

Eltern werden nur dann gut erziehen, wenn sie es gern machen.

Verzweifelt schauen wir zu den Pazifischen Inseln, wie die Mütter und Väter ihre Kinder dort erziehen. Als ob die sich dafür interessieren würden, wie die Deutschen das mit ihren Kindern handhaben. Sie machen es so, wie sie es immer gemacht haben. Sie ruhen in einer generationsübergreifenden Sicherheit – jedenfalls wesentlich mehr als wir. Das ist doch das Entscheidende: mutig zu sein und stolz auf das Eigene.

Jahrelang haben sich hierzulande Frauen, die Mütter werden wollen, darauf als den Höhepunkt ihres Lebens vorbereitet. Sie haben alles studiert und gelesen, zur Ernährung, zur Gesundheit, zur Erziehung. Sie wollen es perfekt machen und machen es gerade dadurch falsch. Der grosse Irrtum – aus Liebe, deswegen sage ich das ohne jeden Vorwurf – besteht darin, dass Eltern, besonders Mütter, nicht mehr mit dem Perfektsein aufhören können, auch dann nicht, wenn es längst an der Zeit wäre, das eigene Kind nicht nur zu fördern, sondern auch zu fordern. Die Rolle der sich uneigennützig für ihre Kinder aufopfernden Mütter und Väter bringt viel Bewunderung und Zustimmung.

Wer kann und möchte auf solch schmeichelnde Bestätigung schon gern verzichten? Frühere Generationen konnten diesen Fehler allein deswegen nicht so leicht machen, weil nach anderthalb bis zwei Jahren neue „Mittelpunkte“ in der Kinderreihe nachrückten.

Heute bleibt das eine Kind das Ein und Alles vieler Eltern. Die in der Partnerschaft erlahmende Liebe richtet sich immer mehr auf dieses aus, während die Erwachsenen in unserer individualistischen Gesellschaft nach den ersten Jahren leidenschaftlicher Liebe immer mehr ihre eigenen Wege gehen. So wächst ein junger Mensch heran, der noch mit 13, 14 Jahren durch die Weltanschauung eines Babys geprägt ist: Ich bin der Mittelpunkt des Universums. Wenn es Probleme gibt, hat sich die Welt mir anzupassen, denn ich stehe unverrückbar in ihrer Mitte. Das sind Allüren übersättigter Herrscher; sie werden zum Scheitern unserer Gesellschaft führen, wenn uns hier nicht eine erzieherische Wende gelingt.

Wir machen nur das gut, was wir gern machen?

Ich habe Probleme mit diesem Satz, wenn er verwendet wird, um Kinder vor jeder Art Pflicht zu bewahren. Sie können oft noch gar nicht wissen, was sie gern tun werden, also brauchen sie manchmal auch eine Art verordneten Anschub. Aber grundsätzlich gesehen und auf die Dauer stimmt dieser Satz: „Wir machen nur das gut, was wir gern tun“. Eltern und Pädagogen werden nur dann gut erziehen, wenn sie es gern machen. Und das tun sie wieder nur dann, wenn sie sich den Unarten der Kinder nicht ohnmächtig ausgeliefert fühlen, wenn sie Gestaltungsspielraum haben, wenn sie selbst entscheiden können, ohne die beständige Rückversicherung: Darf ich?

Würden Verhaltensprobleme der Kinder, gleich wenn sie auftreten, mit selbstbewusstem erzieherischem Stolz korrigiert – ich bin hier als Mutter, Vater, Erzieherin oder Lehrer der verantwortliche Fachmann, ich weiss, was ich tue, könnte das fast locker und nebenbei geschehen. Zum Krampf wird es immer erst dann, wenn sich das falsche Verhalten bereits etabliert hat und sich die Erziehenden nicht sicher sind, was sie dagegen tun dürfen.

Ein Beispiel: Eine alleinerziehende Mutter sagte mir bei einem Vortrag, dass sie das gemeinsame Abendessen mit ihren drei Kindern (4, 8, 12) ja auch sehr gut fände. „Aber was soll ich denn machen, wenn sie einfach aufstehen?“ Bisher hatte sie geglaubt, sie müsste dann einfühlsame Überzeugungsarbeit leisten und ihnen labernd hinterher gehen. Sie machte sich damit nur zu einer lästigen „Fliege“, die schon vom Vierjährigen verscheucht wurde.

Das ist herzlos gegenüber den Kindern, weil diese das Recht auf eine starke Mutter haben, zu der sie aufsehen können. Letztlich können sich Kinder – auf jeden Fall vor der Pubertät – nur so gut und so stark fühlen, wie ihre Eltern es sind oder zumindest einer von beiden.

Die erzieherische Liebe braucht ein Machtgefälle

Hätte sie rechtzeitig klipp und klar festgelegt, wie das läuft in ihrer Familie, deren Boss sie ist, würden ihre Kinder brav, lieb und nett am Abendbrottisch sitzen – nachdem sie ihn zuvor ordentlich gedeckt haben (auch das könnte sie noch haben). Nicht duckmäuserisch würden sie da sitzen, sondern fröhlich, denn jeder hat seinen Platz und seine Aufgaben und alle können sich aufeinander verlassen.

Auch jetzt ist die Lage nicht hoffnungslos. Sie muss nur Mut fassen und sich neu stärken. Dann kann sie den Älteren noch einmal in Ruhe ihre Position erklären, aber nicht als Bittstellerin, sondern als die, die letztlich entscheidet. Die Kinder sollen ruhig alle ihre Gegenargumente äussern. Sie nimmt sie aufmerksam zur Kenntnis, bis zum Ende, und fragt nach, ohne vorschnelle Wertungen. Die Kinder werden staunen: Die Mama hört ja richtig zu!

Die interessiert sich ja wirklich für das, was wir sagen. Aber dann – vielleicht nach einer Denkpause und der Beratung mit einem anderen Erwachsenen, dem sie vertraut und der am besten gleich mit vor Ort ist – entscheidet sie und niemand anders. Wenn sie selbst an sich und ihre neue Rolle als Familienoberhaupt glaubt, werden das ihre Kinder auch tun. Sie muss sich natürlich darauf vorbereiten, was passiert, wenn einer ohne Erlaubnis aufsteht, vielleicht nicht einmal aus bösem Willen, sondern nur aus alter Gewohnheit.

Wahrscheinlich wird dann ein sowohl staunender als auch bestimmter Blick reichen. Wenn nötig, wird sie denjenigen körperlich, ebenso ruhig wie entschlossen, zurückführen. Und sie soll die Zeitdauer am Anfang nicht zu lange strecken und das loben, was schon klappt.

Ich will Altes mit Neuem verbinden: Das Neue ist, die Kinder darin zu bestärken, ihre persönlichen Gedanken und Gefühle auszudrücken, auf ihre eigene Weise, ehrlich und echt. Das geht gerade dann gut, wenn ihnen ein klares Normen- und Wertesystem zur Verfügung steht, das ihnen Halt gibt: Ehrlichkeit ja, das kannst du dir leisten, weil du geschützt bist in einer klaren Ordnung menschlicher Beziehungen. Beleidigungen und Verächtlich-Machen: Nein.

Liebe braucht bei der Erziehung ein natürliches Gefälle der Generationen, um fliessen zu können. Dieses ist in unserer Gesellschaft in einer allgemeinen Gleichmacherei zwischen Kindern und Erwachsenen eingeebnet worden. Jetzt stehen die Lebenswasser und müssen durch künstliche Attraktionen aufgewirbelt werden. Das ist kein wirkliches Fliessen.

Die Mann-Frau-Beziehung ist die Basis

Was tun? Bevor die erwachsenen Mütter und Väter ihre Kinder wirklich lieben und erziehen können, müssen sie sich untereinander lieben. Die Mann-Frau-Beziehung ist die Grundlage gelingender Mütterlichkeit und Väterlichkeit.

Wie ist die Realität? Werdende Mütter verkünden stolz: Ich freue mich so auf mein Kind. Es ist die Nummer eins in meinem Leben. Dann kommt lange gar nichts und dann kommt mein Mann, aber in erster Linie als mein Assistent, Helfershelfer und Handlanger für die Dienste am Kind. Letzteres sagen sie zwar nicht, meinen es aber. Wenn ich so etwas lese, denke ich immer: Das ist der Anfang vom Ende der Familie. Und das ist so traurig, weil es primär und ganz massiv den Kindern schadet, denn sie haben ein Recht auf Mutter und Vater, idealerweise in einer Familie vereint.

Gedanken von Dr. Ralf Hickethier, Pädagogischer Psychologe

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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Lese-Tipp

Ralf Hickethier
Zwölf Gesetze der Erziehung: Kinder brauchen Führung
Verlag: Edition Sächsische Zeitung
ISBN: 3938325836
128 Seiten, Preis: 9,90 Euro