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Wenn Angst in die Hose geht

In vielen deutschen Kinderzimmern wird nachts die Matratze nass. Manchmal passiert das Malheur selbst Kindern, die längst trocken sind. Dann können emotionale Belastungen der Auslöser sein: ein Umzug, eine Trennung, der Schulanfang. Manche Kinder brauchen Hilfe.

Paul ist ein aufgeweckter Junge, lebendig, wissensdurstig, gesund. Doch der 6-Jährige hat ein Problem: Er nässt nachts ein. „Das ist ziemlich nervenaufreibend und belastet die ganze Familie“, erzählt seine Mutter, die ihren Namen nicht unbedingt in einer Zeitung lesen will. „Trotz Windel weicht manchmal die komplette Matratze durch. Paul selbst wird es langsam peinlich, er mag nicht drüber sprechen. Auf gar keinen Fall will er bei Freunden übernachten.“ Kinder wie Paul sind kein Einzelfall. Schätzungen zufolge sind in Deutschland mindestens 640.000 Kinder zwischen 6 und 16 Jahren Bettnässer. Wenn all diese Kinder sich eng aneinander stellen, füllen sie einen Platz von etwa zehn Fußballfeldern, hat der Verein „Initiative Trockene Nacht“ ausgerechnet. Bettnässen ist weder ein Erziehungsfehler noch ein Problem des Pampers-Zeitalters, wie manche meinen. Bereits im Jahr 1472 widmete ein Buch zur Kinderheilkunde ein ganzes Kapitel dem Bettnässen von Kindern über 6 Jahren. Tritt das Einnässen nach dem 5. Geburtstag wiederholt auf, sollte das Kind einem Arzt vorgestellt werden. Dort wird zunächst per Ultraschall und Urinflussmessung abgeklärt, ob ein organisches Problem vorliegt. Am Kinderkontinenzzentrum der Uniklinik Leipzig kommen die Kinder zunächst zur Urotherapeutin. „Diesen Berufszweig gibt es erst seit ein paar Jahren. Wir versuchen, das Problem mit verhaltenstherapeutischen Maßnahmen in den Griff zu bekommen“, erzählt Urotherapeutin Christine Herrmann. Dazu zählen Gespräche, in denen Eltern und Kind die funktionellen Abläufe im Körper erklärt und Schuldgefühle oder Ängste abgebaut werden. Dann wird die Wahrnehmung des Körpers geschult. „Wir wollen, dass die Entleerung der Blase ein bewusster, rhythmisierter Vorgang wird. Wir empfehlen dem Kind, fünfmal am Tag zu trinken und danach eine Toilette aufzusuchen. Kinder fangen ja manchmal erst nachmittags an zu trinken und verspielen das Pullern oft“, weiß Herrmann. Deshalb wird über die getrunkene Menge und das Wasserlassen genau Buch geführt. Manchmal bringt schon die Änderung der Sitzgewohnheiten auf der Toilette die entscheidende Besserung. „Die Beine sollten nicht in der Luft baumeln, der Bauch nicht abgeklemmt werden. Sonst wird die Blase nicht vollständig entleert“, erklärt Christine Herrmann.

Dass Bettnässen ausschließlich aufgrund von seelischem Stress auftritt, ist eher selten. Meist tritt es in Kombination mit einer Entwicklungsverzögerung der Blase auf. „Wir beobachten aber, dass der Schuleintritt noch einmal so ein Punkt ist, an dem sich das Problem verschärft“, berichtet Frau Herrmann. Merken die Urotherapeuten, dass sich hinter dem Bettnässen ein psychologisches Problem verbirgt, bieten sie ein Gespräch mit den Kinderpsychologen der Uniklinik an.

Jana Olsen

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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