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Warum Schüler den Unterricht schwänzen

Schwänzen kann ein Hilferuf sein.

Warum und wie viele Kinder und Jugendliche die Schule meiden, konnte jahrelang nur vermutet und geschätzt werden. Doch seit 2012 gibt es erstmals Zahlen und Fakten - aus einer Studie des Uniklinikums Heidelberg. Sie ist Teil eines weitreichenden EU-Projekts. von Dirk Heinemann

Morgens halb acht, auf dem Schulweg: Anne* krümmt sich vor Schmerz. Heftige Bauchkrämpfe zwingen sie zur Umkehr - zurück nach Hause. Später schreibt ihr Papa einen Entschuldigungszettel. Gleiche Zeit, andernorts: Florian* täuscht vor, zur Schule zu gehen. Doch er hat Angst und versteckt sich. Seine Eltern erfahren erst mit Blick auf das Zeugnis, dass ihr Sohn oft geschwänzt hat. Insgesamt wurden im Rhein-Neckar-Kreis 2.700 Acht- und Neuntklässler von Haupt-, Werkreal-, Realschulen und Gymnasien in die Studie einbezogen - unter Mitarbeit von Eltern und Lehrern. "Uns hat vor allem überrascht, wie häufig Schüler dem Unterricht entschuldigt fern bleiben", sagt der deutsche Forschungsleiter Professor Romuald Brunner, leitender Oberarzt der Heidelberger Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Das betrifft rund sechzig Prozent der Schüler mit monatlich zwei bis sogar über zehn Fehltagen. Unentschuldigt schwänzen dagegen "nur" rund zwanzig Prozent die Schule und das auch schon mal mehr als fünf Tage pro Monat.

Schulschwänzer fehlen selten nur zum Spass

Ob entschuldigt oder nicht: Die Forscher wollten vor allem klären, wodurch die Fehlzeiten entstehen und warum sie offenbar gesellschaftlich mitgetragen werden. "Wir konnten zeigen, dass häufiges Fehlen einhergeht mit einem gestörten Sozialverhalten und zum Teil auch mit Depression", bilanziert Professor Brunner. Als eine häufige Ursache erwies sich Mobbing. In der Schule mangele es an adäquaten Lösungen für bestehende Probleme, wie Leistungsunterschiede oder Neid und Missgunst bei unterschiedlicher sozialer Herkunft. Die Schüler tragen diese sogenannten Rangordnungskämpfe auch schon mal mit "harten Bandagen" aus: mit verbaler oder körperlicher Gewalt, mit Ausgrenzung von unbeliebten Mitschülern oder Hetzkampagnen in Online-Netzwerken. Die Leidtragenden reagieren mit Vermeidungsstrategien. In Erwartung der Zuspitzung von Mobbing-Attacken oder Leistungsdruck werden sie zu Schulschwänzern. "Schüler mit häufigen Fehlzeiten machen sich aber meist keine schöne Zeit außerhalb der Schule, wie oft vermutet wird", erklärt der Studienarzt Dr. Christoph Lenzen - mit Verweis auf seine Patienten in der Heidelberger Klinik für Kinder- und Jungendpsychiatrie. Denn der seelische Druck kann organische Beschwerden, Angstzustände bis hinzu Depressionen und Selbsttötungsgedanken auslösen. Das erklärt die ärztlichen Krankschreibungen und die vielen Entschuldigungszettel, die von Eltern ausgestellt und von Lehrern oft ungefragt akzeptiert werden.

Reden hilft!

Angesichts dieses Teufelskreises hat die Studie in einem zweiten Schritt die Wirkung von Lösungsangeboten untersucht. Nach dem Zufallsprinzip wurden die Schüler verschiedenen Präventionsprogrammen zugeteilt. Dazu gehörten Beratungs- und Aufklärungsgespräche, professionelle Begleitungen und Trainingsstunden in Form von Rollenspielen. Auch Lehrer und Eltern wurden einbezogen, um die Ursachen besser zu verstehen und dadurch hilfreicher handeln zu können. Acht Wochen später dann die Vergleichsuntersuchung. Fast alle an der Prävention beteiligten Schüler wiesen weniger Rückzugstendenzen und psychische Symptome auf. Erstaunlich: Es spielte offenbar keine Rolle, an welchem konkreten Interventionsprogramm sie teilgenommen hatten. Lediglich die Tatsache, dass die Ursachen des Schulschwänzens offen thematisiert wurden, bewirkte Wunder. Das Gefühl, weder auf der "Täter"- noch auf der "Opfer"-Seite alleingelassen zu sein, hat das gegenseitige Verständnis für Probleme der anderen nachweislich erhöht, damit wesentlich zur Entspannung der Gesamtsituation und zum Rückgang der Schulfehlzeiten beigetragen. Fazit des Studienarztes Dr. Lenzen: "Psychische Probleme wie Angst, Depression und Aufmerksamkeitsstörungen oder soziale Probleme wie Mobbing müssen frühzeitig erkannt und behandelt werden. "Viele Forschungsteilnehmer wie Anne und Florian* fühlten sich allein durch gemeinsames Reden in der Lage, ihre Probleme anzugehen, statt sie durch Schulschwänzen zu verdrängen. Die Studie hat somit gezeigt, dass schon ein einfaches Mittel sehr wirkungsvoll sein kann - nämlich, miteinander zu reden. Zu Hause, auf dem Schulhof oder im Klassenzimmer.
* Namen geändert

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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