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Mama, denk an mich! Trotz Sucht Familienalltag üben

Irgendwann hat ihr Leben einen Knacks bekommen, bei manchen geschah es vielleicht nur aus der Laune des Moments: das erste Mal Crystal. In den Mud gesteckt oder durch due Nase gezogen brachte es den ultimativen Kick. Ein Gefühl der Unbesiegbarkeit. Crystal, zu deutsch Kristall, sieht tatsächlich harmlos und schön aus wie Splitter von Bergkristall. Von Claudia Hempel

Anfangs ist es vor allem die starke psychische Abhängigkeit, die problematisch ist. Doch was, wenn Schwangere und junge Mütter Crystal nehmen? Die Droge dringt durch die Plazenta und schädigt schon den Embryo. Die Folgen: Frühgeburten und Neugeborene, die unruhig sind, viel schreien und die größte Risikogruppe für eine spätere Suchterkrankung sind. Das sagen alle großen Studien zum Thema.

Crystal ist klar auf dem Vormarsch.

"Mama, denk an mich!" heißt deshalb ein Projekt der Uniklinik in Dresden, das abhängigen Müttern helfen soll, den Balanceakt zwischen Sucht und Mutterschaft zu meistern. In den zwei Jahren seines Bestehens haben 80 Frauen teilgenommen, berichtet Professor Ulrich Zimmermann, Leiter der Suchtambulanz am Uniklinikum. Eingerichtet wurde das Projekt, weil die Zahl der abhängigen werdenden Mütter in Sachsen seit Jahren kontinuierlich steigt und man den besonderen Moment der Geburtserfahrung nutzen will.

"Wenn die Mütter ihr Baby in den Armen halten, haben sie einen unglaublichen Motivationsschub, jetzt endlich ihr Leben in den Griff zu kriegen", weiß Zimmermann. Mütter, die nicht zum ersten Mal entbinden, wissen nämlich, dass ihre Kinder sonst in Pflegefamilien kommen.

BETREUUNG IN DER SCHWANGERSCHAFT

Das Programm ist bewusst niederschwellig angelegt. Ein Gang über die Straße genügt, er führt von der Gynäkologie direkt zu Professor Zimmermann. Und dann gilt es, rasch zu handeln. "Wir haben eine extrem kurzfristige Terminvergabe, meist können die Mütter schon am nächsten oder übernächsten Tag zu uns kommen, das ist auch wichtig, sonst verlieren wir sie wieder", sagt Zimmermann. Denn planerisches Handeln und Termine wahrzunehmen, das ist etwas, was Suchtkranken sehr schwerfällt.

Ein Viertel der hier begleiteten Frauen trinkt, drei Viertel nehmen Crystal. Das Verhältnis schwankt, doch Crystal ist klar auf dem Vormarsch, beobachtet Zimmerman. Ungefähr ein Jahr lang werden die Frauen von ihm und seinen Kollegen betreut. Ein oder mehrmals die Woche kommen sie in die Ambulanz. Dort gibt es die Müttergruppe, Einzelgespräche, Einzelpsychotherapie, aber auch soziale Beratung. Bedingung ist, clean zu sein, das wird durch regelmäßige Urinproben kontrolliert.

Natürlich ist das Leben der jungen Mütter nach einem Jahr nicht vollständig im Lot, dazu sind die Probleme zu vielschichtig. Doch die Ambulanz bietet einen Halt, eine Anlaufstelle, einen Ort zum Durchatmen.

UND WAS PASSIERT NACH DEM JAHR?

Wer kümmert sich um die Kinder, die einen solch schweren Start ins Leben haben? Zimmermann sind auf Anhieb keine Projekte bekannt, die explizit Kinder aus suchtkranken Elternhäusern betreuen. Und Reha-Einrichtungen mit diesem Schwerpunkt seien extrem selten. Das mag daran liegen, dass diese Projekte noch nicht sehr zahlreich sind, es mag aber auch daran liegen, dass medizinische und sozialpädagogische Ansätze oft nebeneinander existieren und keiner so recht vom anderen weiß.

ALLTAG LERNEN, NORMALITÄT ERLEBEN

Wenn ein Kind in einem suchtbelasteten Haushalt aufwächst, dann ist es gezeichnet. Was solche Kinder in ihrem Alltag erleben, nennt man in der Fachsprache "nicht altersgerechtes Über- oder Unterfordern", denn suchtkranke Eltern gibt es quasi in zwei Aggregatzuständen: Sie sind entweder völlig ausgelassen, wild und euphorisch oder sie sind abwesend, schläfrig und matt. Dieses Auf und Ab bricht sich dann auch in den Verhaltensweisen der Kinder Bahn. Ulrike Vollhardt, Diplom-Pädagogin auf dem Heidehof, erzählt: "Man merkt das sofort, die Kinder sind entweder extrem in sich zurückgezogen oder sie agieren extrem nach außen und fordern rundum Aufmerksamkeit. In beiden Fällen steckt ein Mangel an Zuwendung dahinter." Und ein Mangel an Normalität. Oft genug kennen sie keine Grenzen, denn es gibt niemanden, der ihnen Grenzen gesetzt hat.

Alltag lernen, Normalität erleben, das ist es, was der Heidehof den Familien bieten will. Einerseits sollen die Eltern oder Mütter lernen, welche Bedürfnisse Kinder haben, andererseits müssen auch die Kinder lernen, ihre Bedürfnisse zu erkennen und entsprechend zu äußern. "Oft erleben Kinder ihre Eltern hier bei uns das erste Mal im suchtmittelfreien Raum." Diese gegenseitigen neuen Erfahrungen sind wichtig für die Beziehung: "Jeder Tag hier stärkt die Bindung zwischen Kind und Eltern.

"Diese engmaschige Betreuung ist wichtig, um danach den Alltag besser zu meistern. Manchmal steht auch ein Umzug an, einfach um aus dem alten suchtbelasteten Umfeld herauszukommen. Oft haben Mütter auch Angst, gleich wieder ins richtige Leben entlassen zu werden. Für den Fall gibt es als Übergang spezielle Mutter-Kind-Einrichtungen.

WAS DER MUTTER GUT TUT, KANN DEM KIND ANGST MACHEN

Ute Vollhardt erinnert sich an einen Fall eines Jungen - nennen wir ihn Leon -, der plötzlich sehr traurig war, nachdem ihm seine Mutter vom bevorstehenden Umzug erzählt hatte. Denn das bedeutete für ihn, den besten Freund nicht mehr sehen zu können.

Die Pädagoginnen konnten ihm helfen. Gemeinsam nutzten sie die sogenannten Gefühlskarten, die die Kinder aus ihrem Morgenkreis kennen. Leon zog die "Staunen-Karte" und formulierte: "Ich staune, dass wir umziehen. Das macht mir Angst, denn ich kann meinen besten Freund dann nicht mehr sehen." Die Mutter hatte sich darüber auch schon Gedanken gemacht und bot dem Kind an, mit ihm Briefe zu malen oder den Freund auch mal einzuladen. Und das bedeutete Leon vielmehr als ein Gespräch über sein aktuelles Problem. Er konnte zum ersten Mal seine Gefühle ausdrücken und wurde von der Mutter gehört.

Für die Eltern-Kind-Beziehung ist das ein Meilenstein. Solche Momente schaffen Bindungen, schaffen familiäre Strukturen und ermöglichen so, was in suchtfreien Familien selbstverständlich scheint: ein Familienleben. Das ist auch woanders nicht konfliktfrei. Doch mit diesen Konflikten umzugehen, darin liegt die Herausforderung.

 

Mit Kind im Heidehof

Seit 2016 gibt es das Projekt „Mit Kind im Heidehof“ der Evangelischen Fachklinik Heidehof. Es wurde gemeinsam mit der Diakonie Stadtmission Dresden ins Leben gerufen. Dort in Weinböhla können acht Kinder im Alter von 2 bis 6 Jahren mit ihren suchtkranken Müttern oder Eltern wohnen und leben. Je nach Sucht bleiben die Familien ein Vierteljahr oder ein halbes. Crystalabhängigkeit braucht eine längere Therapie.

Ansprechpartnerin: Ulrike Vollhardt
Telefon: (035243) 43503
ulrike.vollhardt@diakonie-dresden.de
Am Heidehof 1, 01689 Weinböhla

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Vorsicht vor Fremden im Netz!
- Physik-WM in Peking
- Neurofeedback

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