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Dem Stress an den Kragen

Der Kopf, der Bauch, der Schlaf: Schulstress setzt vielen Kindern körperlich zu. In solchen Fällen sind helfende Hände gefragt, die das Kind wieder aufrichten – innerhalb der Familie und außerhalb. Und vielleicht ist Gesundheitsunterricht eine gute Idee. Von Susan Künzel

 

Schulstress ist für viele Kinder real und nimmt mit den Klassenstufen zu. Das ist nicht nur eine gefühlte Wahrheit, sondern wissenschaftlich belegt: Fast jeder zweite Schüler (43 Prozent) leidet unter Schulstress, und ein Drittel dieser Kinder bekommt mit Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder Schlafproblemen die körperlichen Folgen zu spüren. Das ergab das Präventionsradar der DAK-Gesundheit 2017, eine repräsentative Studie, für die 7.000 Kinder der Klassenstufen 5 bis 10 befragt wurden.
Nun ist Stress nicht gleich Stress. Positiver Stress, auch Eustress genannt, lässt uns zu Höchstleistungen auflaufen, um bestimmte Ausnahmesituationen zu meistern. In solchen "Kampf oder Flucht"-Situationen werden die Muskeln stärker durchblutet, die Hormone Adrenalin und Kortisol werden ausgeschüttet, damit möglichst schnell möglichst viel Energie freigesetzt wird. Diese Form von Stress wirkt sogar gesundheitlich positiv - vorausgesetzt, die Belastung bleibt tatsächlich vorübergehend.

GEFÄHRLICHER DAUERSTRESS

Schulstress ist jedoch keine Ausnahmesituation. Betroffene Kinder und Jugendliche leiden vie lmehr an permanenter Überforderung. Der reine Leistungsstress - wenn der Lernstoff überhand nimmt oder nicht verstanden wird - ist dabei nur die Spitze des Eisberges. Eine Reihe von Faktoren kann hinzukommen: Bei schlechten Noten fürchten viele Ärger mit den Eltern und schämen sich vor Mitschülern. Die Angst, die Klassenstufe wiederholen zu müssen, mag hinzukommen, die Kinder entwickeln Selbstzweifel oder ziehen sich aus dem Freundeskreis zurück. Weitere Stressfaktoren lauern im sozialen Miteinander: Mobbing unter Schülern, ein schlechtes Verhältnis zu Lehrern oder häusliche Probleme verschlimmern die Lage für das gestresste Kind.
Wirkt der Stress tief, meldet sich der Körper. Dass etwas nicht stimmt, zeigt er mit einem ganzen Arsenal von unspezifischen Symptomen: Das können Schlafstörungen sein, Kopfschmerzen, Essstörungen - und zwar sowohl Appetitlosigkeit als auch übermäßiges Essen -, Bauchschmerzen, Konzentrationsprobleme und Albträume. Häufig kommt aggressives oder depressives Verhalten hinzu. Die kognitive Leistungsfähigkeit des Kindes sinkt, und wenn es ganz schlimm kommt, entwickelt es Depressionen und verweigert die Schule.

WARNSIGNALE ERNST NEHMEN

Zunächst wird zu klären sein, ob es sich um punktuelle oder um grundsätzliche Probleme handelt und worin die Überforderung besteht. Wenn es tatsächlich die Leistungsanforderungen sind, die dem Kind zu schaffen machen, darf auch der Wechsel der Schulform kein Tabu sein. Mobbing oder Probleme mit einzelnen Lehrern lassen sich gegebenenfalls in Gesprächen mit allen Beteiligten aus der Welt räumen. Wie auch immer die Lösung aussieht - Medikamente können sie nicht herbeiführen. Eine gute Beziehung zu Eltern und Freunden wirkt Wunder, vor allem dann, wenn die Eltern selbst ausgeglichen sind und ihren Stress zu bewältigen gelernt haben. Solche Vorbilder wirken. Hilfreich sind Gespräche mit guten Zuhörern, die dem Kind Schwächen zugestehen, gerade, wenn es immer stiller wird. In keinem Fall sollten Erwachsene den empfundenen Stress herunterspielen. Sätze wie "Ist doch nicht so schlimm" signalisieren dem Kind, dass sein Problem nicht ernstgenommen wird. Und Strafen sind völlig unangebracht. Sie würden die Not des Kindes nur vergrößern.

HALT GEBEN UND HILFE ORGANISIEREN

Gefragt ist vielmehr die helfende Hand, die das Kind aufrichtet, die bei den Hausaufgaben hilft und dabei, Struktur ins Chaos der Arbeitsmittel zu bringen. Übersicht im Tagesablauf, einfache Rituale und feste Regeln senken das Stresslevel. Für einen überschaubaren Zeitraum mag es sinnvoll sein, in Nachhilfe zu investieren. Nichts tun müssen, sondern Freizeit, in der nichts weiter anliegt, ist ebenso wichtig wie Sport und Bewegung und eine regelmäßige gesunde Ernährung. Mit alldem wird der Stress zwar nicht getilgt, aber das Kind hat Halt und kann die anstehenden Aufgaben in Ruhe angehen. In der Realität, ergab das DAK-Präventionsradar, begegnen Kinder dem Stress in ihrem Leben häufig mit Mitteln, die ihrer Gesundheit abträglich sind: Schon Fünftklässler konsumieren Energy-Drinks, in der zehnten Klasse haben 84 Prozent der Schüler solche Koffein- und Zuckerbomben probiert, jeder Fünfte von ihnen trinkt sie regelmäßig. 41 Prozent greifen Tag für Tag zur "Beruhigungspille" Süßigkeiten.

AUF DEM STUNDENPLAN: DAS FACH GLÜCK

Damit der Stress nicht direkt in Volkskrankheiten mündet, fordert Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit, Gesundheitsvorsorge als Schulfach: "In der Schule sollen Kinder fürs Leben lernen - aber das Fach Gesundheit steht bislang nicht auf dem Stundenplan. Die Schüler können komplexe Matheaufgaben lösen und fließend Englisch sprechen, wissen aber nicht, wie schädlich Zucker und langes Sitzen sind."
In Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg sind entsprechende Schulfächer bereits Realität, anderenorts sieht man solche Themen eher im Biologie-, Ethik-, Sport- oder Schulgartenunterricht verortet. Sachsen beispielweise hat ein Lernportal Lebenskompetenz eingeführt, wo sich Schulen einschlägige Anregungen holen können und an verschiedenen Stellen der Schullehrpläne ist das Thema Gesundheit verankert.
Noch ein weiteres Schulfach macht von sich reden: Glück. An hundert Schulen in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Berlin läuft der Unterricht bereits versuchsweise. Im Schulfach Glück üben sich die Kinder an der Schnittstelle von Psychologie und Philosophie in einer der schwierigsten Disziplinen überhaupt: der Beschäftigung mit sich selbst. Denn nach Arthur Schopenhauer lässt sich das Glück nur sehr schwer in uns selbst finden. Und unmöglich woanders.

Zeit freischaufeln

Schlaf, Sport, am besten an der frischen Luft, gutes Essen und auf dem Sofa herumfläzen - all das absorbiert eine Menge Stress. Wenn die Leistungsanforderungen überhandnehmen, empfiehlt es sich, den Terminkalender des Kindes zu überprüfen: Was bringt Wohlbefinden, was schraubt die Ansprüche nur noch weiter nach oben? Das Leben, wissen wir alle, ist kein Ponyhof. Aber spätestens dann, wenn körperliche Symptome den Alltag aus dem Ruder laufen lassen, sollte man die Notbremse ziehen. Denn Gesundheit und eine glückliche Kindheit sind mit nichts aufzuwiegen.

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Frühchen
- Strategisches Denken
- Tabuthema Tod
- Streitthema Tattoo

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