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Castingshows beeinflussen Körpergefühl

Schlank sein ist in - nur zu welchem Preis?

Mehr als 62 Prozent der 12- bis 17-Jährigen verfolgen regelmäßig „Germanys Next Topmodel“. Die schlanken Vorbilder aus dem Fernsehen scheinen ihre Wirkung nicht zu verfehlen: Viele Mädchen empfinden sich trotz normalen Gewichts als zu dick. Von diesem verschobenen Körpergefühl ist es für manches Mädchen nur noch ein kleiner Schritt zur Magersucht oder Bulimie. Bei etwa einem Fünftel der Heranwachsenden liegt der Verdacht auf ein gestörtes Essverhalten vor – unterdessen die häufigste chronische Krankheit im Kindes- und Jugendalter.

Diät als Auslöser

Vor allem Mädchen beginnen sehr früh, sich über ihren Körper Gedanken zu machen. Schon 7- bis 8-Jährige fragen sich: Wie sehe ich aus? Bin ich zu dick? Wird dies zum Dauerthema, kann das für Eltern ein Warnzeichen für eine Essstörung sein. „Aber nicht jedes Mädchen, das sich solche Gedanken macht, wird magersüchtig“, sagt Professor Stefan Ehrlich, ein renommierter Wissenschaftler, der von der Harvard University an die Uniklinik Dresden gegangen ist. Der Kinder- und Jugendpsychiater befasst sich in seinen Forschungsarbeiten mit Essstörungen. „Auslöser ist oft, dass in der Familie jemand mit einer Diät beginnt“, so Professor Ehrlich. „Das ist Alltag – 80 Prozent der Frauen und auch viele Männer haben in ihrem Leben eine Diät versucht. Leider ist es nicht selten, dass sich dann auch die Tochter beteiligt und dabei bleibt, obwohl Mutter oder Vater längst aufgegeben haben.“ Der Mediziner warnt vor jeglicher Diät bei Kindern, sofern sie nicht ärztlich verordnet wird.

Sich mit anderen vergleichen

Professor Ehrlich schildert einen Fall, der ein grundsätzliches Problem aufzeigt: Zwei befreundete Mädchen beginnen gemeinsam eine Diät. Die eine Freundin gibt schnell wieder auf. Doch das andere Mädchen macht weiter und rutscht schließlich in die Magersucht. Das wirft die Frage auf, warum die eine merkt, dass ihr die Diät auf Dauer schadet, während das andere Mädchen bis zum bitteren Ende durchhält. Professor Ehrlich: „Bei diesem Fall war es so, dass zwischen den beiden Freundinnen eine gewisse Rivalität bestand. Wer ist besser in der Schule? Wer ist besser im Sport? Wer ist schlanker? Und das Mädchen hat es halt durchgezogen, um wenigstens hier die Nase vorn zu haben. Das Problem: Sie litt unter dem Eindruck, dass die andere die Beliebtere in der Klasse ist und viele Dinge besser hinbekommt. Dieses Vergleichen, man kann es auch Leistungsdruck nennen, das ist eine ganz wichtige Komponente.“

Genetischer Einfluss erwiesen

Sendungen wie „Germanys Next Topmodel“ befördern ein solches Vergleichen. Sie stehen für einen gesellschaftlichen Trend: Schlank sein, heißt erfolgreicher sein. „Wir denken schon, dass das ein Klima schafft, das junge Menschen in eine Magersucht treiben kann“, räumt Prof. Ehrlich ein. „Aber wir wissen auch, dass es die Erkrankung schon seit Hunderten von Jahren gibt. Sie wird in historischen Quellen beschrieben und taucht in alten Gemälden auf. Wir wissen nicht, wie häufig sie damals war, aber es gibt sie keinesfalls erst seit den 60er-Jahren, als das heutige Schlankheitsideal Einzug gehalten hat. Die Macht der Medien mag die Krankheit begünstigen, doch es braucht auch eine gewisse Veranlagung dazu.“ Neue Studien belegen: Der genetische Einfluss ist bei Magersucht ähnlich oder sogar höher als bei Krankheiten, die für ihre genetische Disposition bekannt sind: Typ-2-Diabetes etwa oder Multiple Sklerose.

Therapie

Professor Ehrlich setzt auf unterschiedlichste Behandlungsbausteine, die je nach Schwere der Erkrankung eingesetzt werden. Dazu gehört die Spezialambulanz für leichtere Fälle. Hier reicht es meist aus, wenn die Familien ein wenig Rüstzeug an die Hand bekommen: Was ist das für eine Krankheit? Wie kann ich damit umgehen? Meist wird auch ein Ernährungsplan erarbeitet, weil die Familien oft das Gefühl für eine normale Essensmenge verloren haben. Ein weiterer Baustein ist die Tagesklinik. In mehreren Blöcken von ein bis drei Tagen können Familien hier gemeinsam lernen, mit dem Problem umzugehen. Da gibt es zum Beispiel die Möglichkeit des symbolischen Kindertausches. „Ganz frappierend, wie gut das funktioniert“,
freut sich Professor Ehrlich. „Nimmt das Kind die Mahlzeit mit einer anderen Familie ein, dann klappt es plötzlich, wenn die fremde Mutter sagt: Die Portion musst du aber aufessen. In der eigenen Familie
wäre das viel schwieriger.“ Bei den schwersten Fällen, den Mädchen, die schon lebensbedrohlich abgenommen haben, steht die Gewichtszunahme im Mittelpunkt. Erst mit steigendem Gewicht wird
der Kopf wieder frei für eine Therapie. Dann gibt es viele Bausteine wie Körpertherapie, Ergotherapie, Einzel- und Gruppentherapie.

Jürgen Magister

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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