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Familie

Lassen Sie das Kind keinesfalls schreien

Eine typische Auseinandersetzung, die in Familien so oder ähnlich ablaufen kann. Der 2½-jährige Jonas kann nicht einschlafen, will die Nacht unbedingt im elterlichen Bett verbringen. Jede Nacht ist ein Kampf, der Mutter und Vater den Schlaf raubt. Was ist zu tun? Wir haben die Psychologin Angela Howard von der Evangelischen Beratungsstelle für Ehe-, Lebens-, und Familienfragen (Diakonisches Werk, Stadtmission Dresden e.V.) um ihre Meinung gebeten.

Ist Jonas’ Wunsch im elterlichen Bett zu schlafen normal? Sollten die Eltern dem nachgeben?

Im Alter von 2½ Jahren entwickeln Kinder eine sichere Bindung, wenn sie zuverlässig fühlen: Dann, wenn ich etwas brauche, zum Beispiel Geborgenheit, Schutz oder Trost, sind Mama oder Papa für mich da. In vielen Kulturen schlafen Babys und Kleinkinder ganz selbstverständlich mit im Elternbett. Ob Jonas’ Eltern das zulassen, sollte nicht allein für Jonas, sondern auch für die Bedürfnisse der El- tern passen. Jonas’ Mutter geht es nicht gut damit. Vielleicht könnte eine Lösung so aussehen: Wenn die Matratze im Elternschlafzimmer liegt, könnte Jonas dort schlafen, wenn er Nähe braucht, ohne die Eltern zu stören. Wacht er morgens im eigenen Bett auf, gibt es eine Extra-Umarmung und viel Lob.

Wie schafft man es, dass ein Kind allein schläft? Sollte man es auch mal schreien lassen?

Ausschlaggebend ist, ob ein Kind gelernt hat, sich beim Aufwachen – was in Phasen leichteren Schlafs schon mal passiert – selbst zu beruhigen und wieder einzuschlafen. Diese Fähigkeit muss sich erst entwickeln und einigen Kindern fällt das schwerer. Kinder, die für das Einschlafen einen ganz bestimmten, manchmal sehr aufwendigen Ablauf brauchen (zum Beispiel die warme Milch und die Mama, die daneben liegt und streichelt), sind dann sozusagen auf diese Dinge „trainiert“ und können ohne sie nicht mehr einschlafen. Nachts aufzuwachen und nicht wieder einschlafen zu können, kann Ängste auslösen – deshalb bitte nicht schreien lassen! Stattdessen kann man überlegen: Wie möchte ich für mein Kind da sein, wenn es nachts aufwacht? Ist es für mich und meinen Partner in Ordnung, wenn das Kind im Elternbett schläft? Eltern können aber auch Geborgenheit und Sicherheit geben, indem sie zu ihrem Kind gehen, ruhig und fest erklären, dass es wieder einschlafen wird, es streicheln und das Zimmer wieder verlassen. Wichtig ist, dass Familien das für sie Passende tun – nur dann sind Eltern auch „echt“ und glaubhaft.

In welchem Alter sollte ein Kind das eigene Bett spätestens akzeptieren?

Da gibt es keine feste Grenze. Es gibt Kinder, die länger und mehr Unterstützung dabei brauchen, sich selbst beruhigen zu lernen. Im Kindergartenalter kann man mit dem Kind gemeinsam überlegen, was es braucht, um gut im eigenen Bett schlafen zu können: ein Nachtlicht im Zimmer? Eine angelehnte Tür? Den Teddy, der auf- passt? Ausnahmen darf es aber ruhig geben, zum Beispiel in Zeiten besonderer emotionaler Belastung für das Kind oder bei Krankheit.

Welche Ursachen könnten dahinter stecken, wenn ein Kind schon einmal allein geschlafen hat und dann „rückfällig“ wird?

Wenn das der Fall ist, sollten Eltern in Ruhe prüfen, woran das liegen kann. Gibt es aktuell „Beunruhigendes“ in der Familie oder im sons- tigen Umfeld des Kindes? Das kann zum Beispiel die Krankheit des Opas sein, aber auch Konflikte zwischen den Eltern oder Probleme in der Kindereinrichtung. Im Alltag sind die Kinder gefordert, eine Vielzahl von Informationen und Reizen zu verarbeiten, ganz besonders auch nach der Aufnahme in die Kindereinrichtung. Manchmal kann das Kinder überfordern. Wenn andere Ursachen ausgeschlos- sen sind, signalisiert Jonas vielleicht: Nach meinem Tag brauche ich die Mama, ich brauche ihre Wärme und das Für-mich-Dasein. Dann ist es wichtig, dass Jonas diese Zuwendung bekommt, in welcher Form auch immer.

Herbert Renz-Polster Kinder verstehen Verlag: Kösel

ISBN: 3466308240, 512 Seiten, Preis: 19,95 Euro

Unterstützen Sie Ihr Kind von Anfang an dabei, selbstständig einschlafen zu lernen. Das geht nur, wenn es lernt, dass kleine Wach-Zeiten, in denen es vielleicht den Teddy betrachtet oder etwas erzählt, etwas ganz Normales sind. Gehen Sie also nicht beim kleinsten Geräusch sofort hin – aber lassen Sie Ihr Kind auch nicht schreien.

Bedenken Sie, dass sich aufwendige Rituale wie das Sich-Danebenlegen und Streicheln oft zu anstrengenden Gewohnheiten entwickeln. Finden Sie eine Form, dem Bedürfnis Ihres Kindes gerecht zu werden, die zu Ihnen passt. Dann wird sich Ihr Kind geborgen fühlen, ohne dass es Sie belastet.

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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