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Familie

Hilfe, mein Kind ist rechtsextrem!

Daniels Mutter erinnert sich noch genau an den Moment, als sie mehr oder weniger zufällig diesen Baseballschläger findet. Kurz da- rauf kommt ein Anruf aus der Schule. Daniel habe auf dem Schulhof eine Fahne mit faschistischen Symbolen geschwenkt, sie solle zum Elterngespräch kommen. Doch hilfreich ist dieses Gespräch nicht. Wenn sie meine, an dieser Schule gebe es Probleme mit rechtsge- richteten Strömungen, könne sie ihren Sohn ja an eine andere Schule schicken.

und wie du handelst, nicht einverstanden. Doch du bist und bleibst unser Kind!“ Das ist sicherlich ein ziemlicher Spagat, doch es ist die einzige Chance. Bricht der Kontakt zwischen Kind und Eltern ab, hat der rechtsextreme Freundeskreis gewonnen. Denn letztlich funktioniert die rechtsextreme Jugendkultur wie eine Sekte. Es gibt ein festgefügtes Weltbild, das nach Zugehörigkeit und Feinden unterscheidet. Dabei gerieren sich die Rechtsextremen gern als Familienersatz und versuchen, den Jugendlichen langsam aus seinem alten Freundeskreis und aus der Familie zu lösen. Wenn Eltern dann ihrem ersten Impuls nachgeben und das Kind des Hauses verweisen, haben die Rechtsextremen gewonnen. In Kais Schulheften stand früher: „Nazis sind scheiße“. Ein paar Jahre später stellt seine Mutter entsetzt fest, dass er sich verbotene Nazimusik aus dem Internet runterlädt, immer öfter abends verschwindet und völlig neue Freunde hat. Kai trägt Klamotten, die in der rechten Szene Kult sind. Das Tragische daran: All diese Sachen hat sie ihm selbst gekauft. Als Kais Mutter schließlich beim Jugendamt Hilfe sucht, kanzelt man sie ab: „Na, wenn Sie geschieden sind, ist es doch kein Wunder, dass Ihr Sohn Nazi ist.“ Daniel und Kai – beide sind scheinbar plötzlich rechtsextrem geworden, ihre Familien haben es lange nicht bemerkt und als sich die Mütter Hilfe von außen holen wollen, treffen sie auf eine Mauer des Schweigens und der Vorwürfe. Daniels Mutter soll ihren Sohn an eine andere Schule geben. Und Kais Mutter solle sich Gedanken über ihre Scheidung machen. Was beiden Müttern fehlt, ist eine professionelle Anlaufstelle für ihre Probleme und Sorgen. Denn von dem Moment an, in dem ein Kind Kontakte zur rechtsextremen Szene aufbaut, dauert es nicht selten zwei Jahre, bis die Familien es bemerken. Das hat viele Gründe. Das liegt zum einen am Stereotyp des glatzköpfigen Proleten in Bomberjacke und Springerstiefeln, der dumpfe Parolen brüllend durch die Straßen läuft. Zum anderen wissen die Kinder ja, dass ihren Eltern das neue Weltbild nicht gefallen wird und tun alles dafür, um diese Tatsache so lange wie möglich zu verheimlichen. Wenn sich erste Anzeichen bemerkbar machen – ein plötzlich extrem aufkeimendes Interesse für Geschichte mit allen Details zum Ersten und Zweiten Weltkrieg oder ein sich plötzlich wandelnder Freundeskreis – ist es fürs Erste zu spät. Das Kind ist dann meist schon so tief in die rechtsextremen Ideologien verstrickt, dass Eltern nur noch wenig ausrichten können.

Dann ist es umso wichtiger, mit seinem Kind im Gespräch zu bleiben und ihm zu signalisieren: „Wir sind nicht einverstanden mit dem, was du denkst." Sowohl Kais als auch Daniels Mutter haben durchgehalten. Sie haben diese schwere Zeit überstanden. Kais Mutter hat einen Kontakt zu einem Aussteiger hergestellt, der Kai geholfen hat, wieder zu seinen alten Freunden zurückzufinden. Daniel hat sich verliebt. In ein Mädchen, das Nazis nicht leiden kann.

Claudia Hempel

Anlaufstelle für betroffene Eltern ist das Kulturbüro Sachsen. Eine Über- sicht zu Angeboten in den ostdeut- schen Bundesländern gibt die Inter- netseite www.elternberatung-ost.de

 

 

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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