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Familie

Eltern passé

Eltern sind uncool. Sie haben keine Ahnung von angesagten Bands, den aktuellen Playstation-Spielen und laufen in peinlichen Klamotten rum. So oder ähnlich denken viele Kinder und suchen die Geborgenheit in einer Gruppe Gleichaltriger. Deren Meinung und deren Moden scheinen zunehmend den Einfluss der Eltern zu verdrängen. Grund zur Sorge?

„Es ist völlig normal, wenn sich Kinder und Jugendliche zu Gleichaltrigen mehr hingezogen fühlen als zu den Eltern“, sagt Sozialpädagoge Werner Dietrich von der Dresdener Jugendhilfestation der Gemeinnützigen Gesellschaft Striesen Pentacon e.V. „Kinder brauchen die Meinung anderer Kinder. Ob es Musik ist, Sexualität oder Freunde, das wird fast ausschließlich in der Gruppe Gleichaltriger besprochen. Sicher finden Gespräche über solche Themen auch zu Hause statt, aber nicht in dieser Intensität. Wir können als Eltern und Erzieher viel erzählen, und mag es noch so richtig sein: Wir bleiben die
Älteren mit einem anderen Erfahrungshorizont. In einer Gruppe Gleichaltriger ist die Wirkung immer größer. Wenn die Kinder zusammen sind und ihre Gespräche, ihre Unternehmungen gehen in eine positive Richtung – etwas Besseres kann dem Kind gar nicht passieren. Dort lernt es einen Standpunkt für sich zu finden. Im Prinzip ist das, was in der Clique passiert, wichtig für die weitere Entwicklung der Kinder.“

Dieses Plädoyer für die Clique hält Werner Dietrich, obwohl er aus seiner Erfahrung als Sozialpädagoge weiß, dass durchaus auch Gefahren damit verbunden sein können. Denn natürlich kommen Kinder in solchen
Gruppen auch mit Dingen in Kontakt, die Anlass zur Sorge bereiten: der ersten Zigarette, dem ersten Schluck Alkohol oder dem ersten Joint – das alles spielt sich meist in der Clique ab.

„Es kann bei solchen unorganisierten Treffs natürlich auch in eine negative Richtung gehen. Aber eigentlich ist beides wichtig für die Kinder, für ihre Entwicklung, denn es läuft im Leben nicht immer alles geradlinig ab, es gibt Ecken und Kanten und diese Erfahrungen müssen Kinder und Jugendliche auch machen. Mal an der Zigarette ziehen, mal Alkohol trinken. Wir müssen allerdings so sensibel sein, dies zu bemerken und ein- schreiten, bevor es aus dem Ruder läuft.“ Das setzt voraus, dass sich die Eltern dafür interessieren, was die Kinder so treiben. Auch wenn sie beruflich gestresst sind, sollten sie sich die Zeit nehmen, regelmä-
ßig nachzufragen: Was hast du heute gemacht? Wie war dein Tag? Was gab es in der Schule? Mit wem warst du unterwegs? Auf jeden Fall sollte man den Freundeskreis des Kindes kennen, auch einmal hingehen zum Treffpunkt, dort das Gespräch suchen, sich einen Eindruck von den Freunden seines Kindes verschaffen. „Bedenklich wird es, wenn die Kinder sehr verschlossen sind, wenn sie nichts erzählen wollen“, sagt Werner Dietrich, „wenn sie behaupten, es sei alles in Ordnung und man hat das Gefühl, es ist doch nicht so. Wenn man immer dieses unruhige Gefühl hat. Wenn man sagt, du bist 19 Uhr zu Hause und die Zeit wird regelmäßig nicht eingehalten oder das Kind kommt mit einer Nikotin- oder Alkoholfahne nach Hause.“ Dann ist Konsequenz gefragt. Kinder und Jugendliche brauchen jemanden, der ihnen sagt: Bis hierher und nicht weiter. Allerdings ist es nach Meinung des Sozialpädagogen der falsche Weg, seinem Kind den Kontakt mit den Freunden der Clique zu verbieten.

„Wenn ich sage, du darfst dich mit diesem und jenem nicht treffen, kann ich das niemals durchsetzen, weil ich das Kind nicht den ganzen Tag überwachen kann. Am Ende lernt es noch, dass es leicht ist, Verbote zu
übertreten und die Eltern auszutricksen. Besser ist es anzukündigen, die Probleme öffentlich zu machen: Wenn du das nicht anders willst, dann muss ich zum Lehrer gehen, dann muss ich zu den Eltern deiner Freunde gehen. Meist hilft das schon, weil sich die Kinder diese Peinlichkeit ersparen wollen. Dann sprechen sie lieber darüber, was in der Clique läuft, woher zum Beispiel der Alkohol oder die Zigaretten kommen.“

Generell ist es hilfreich, die Eltern der Freunde zu kennen, sich hin und wieder mit ihnen auszutauschen, vor allem, wenn es Anlass zur Sorge gibt. In so einem Fall ist es auf keinen Fall ratsam zu sagen: Ich warte erst einmal ab.


Jürgen Magister

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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