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Jungen brauchen Ansprechpartner

Lange Zeit hat sich die Pädagogik um eine Gleichstellung und Förderung von Mädchen bemüht. Mittlerweile ist jedoch klar, dass auch Jungen ganz spezielle Bedürfnisse haben, denen man gerecht werden muss. 

Mädchen haben es schwer! Und Jungen? Jungen haben es schwerer! Schon in frühester Kindheit hören sie Sätze wie: „Ein Junge weint doch nicht“, „Stell dich nicht an wie ein Mädchen“, „Du bist doch ein großer Junge“. Jungen sind stark und wild und sie beißen die Zähne zusammen, wenn etwas schmerzt. Doch eigentlich sollen Jungs auch weich sein, sollen zuhören, sollen mitfühlen, sollen still sitzen, sollen gut lernen.

Das ist eine Gratwanderung, die  viele  Jungen  überfordert.  Diese Überforderung macht sich auch ganz konkret in Zahlen bemerkbar, denn  Jungen  führen  immer  dort die Statistik an, wo es um schlechte Nachrichten geht: Dreiviertel aller Förderschüler und zwei Drittel aller Sitzenbleiber sind Jungen. Auch 95 Prozent aller verhaltensauffälligen Kinder sind männlich. „Jungen als Bildungsverlierer“ ist das Schlagwort politischer Streitschriften, soziologischer Kongresse und sozialpädagogischer Fachtagungen.

 

Der Jungenarbeiter

Waren jahrzehntelang Mädchen und Frauen im Fokus, verlagert sich dieser nun mehr und mehr auf die Jungen. Mittlerweile gibt es auch eine Berufszusatzqualifikation für Sozialarbeiter:  den  Jungenarbeiter. Einer von Ihnen ist Sascha Möckel. Seit einem halben Jahr arbeitet er in Dresden ausschließlich mit Jungen. Er geht in Schulen oder organisiert spezielle  Jungentage.  Manchmal wird er einfach für den Sexualkundeunterricht eingeladen, manchmal wenden sich die Lehrer mit einem Hilferuf an ihn: „Die Jungen der 6b sind so aggressiv, kein Lehrer kommt mehr an sie ran.“ Oder: „Die Jungen der 7a kommunizieren nur noch in einer abwertend sexualisierten Sprache, bitte helfen Sie uns!“

 

Reden über Tabus

Natürlich kann Sascha Möckel wilde Problemkinder nicht an einem Unterrichtstag oder in einer Projektwoche in handzahme Musterschüler verwandeln. „Das ist auch gar nicht Sinn der Sache. Was wir machen können, ist, mit den Jungen zu reden.“ Reden über Tabus. Reden über tausend Fragen, die in einem pubertierenden Kopf umgehen. Reden enttabuisiert. Doch vor dem Reden gibt es etwas Handfestes: ein Rollenspiel, eine Denkaufgabe, einen Film, der gemeinsam angeschaut wird. Erst danach  sprechen  sie  miteinander. Über den Tagesablauf eines Mannes, über Gewalt und über Gefühle. Ganz wichtig natürlich: Es gibt keine dummen Fragen. Wenn ein Junge fragt: „Hält  das  Kondom  zwei  Stunden durch?“, dann zeigen Sascha Möckel oder sein Kollege gern einen pornografischen Film. Oder besser einen Film, in dem zwei Roboter die Protagonisten sind. Dann reden Männer mit zukünftigen Männern über erogene Zonen, über Zärtlichkeit, über Tabuwörter.  „Ficken  ist  zum  Beispiel so ein Wort. Natürlich kann ich das sagen, und wenn die Jungs es aus meinem Mund so ganz unaufgeregt hören, dann verliert es plötzlich seine Strahlkraft.“

von Claudia Hempel

u.a. mit folgenden Themen:

- Risiko Kinderspeck
- Lese-Rechtschreib-Schwäche
- Plötzlicher Kindstod

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