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Der erste Liebeskummer

Für Eltern gilt bei Mädchen wie bei Jungen: Ruhe bewahren und vorsichtig nachfragen, was los ist.

Die Pubertät beginnt immer früher – bei Mädchen im Durchschnitt mit 10, bei Jungen mit 11 Jahren. So jung sie auch sind, durchleben sie alles, was dazugehört: Die erste Jugendliebe, den ersten Liebeskummer. Dann ist das sonst so freundliche und ausgeglichene Kind meist wie ausgewechselt: einsilbig und traurig oder aggressiv und beleidigend. Und die Eltern wissen oft nicht wie sie reagieren sollen.

Die erste Jugendliebe ist ein besonders intensives Gefühl. Das weiß jeder, der sich an seine Zeit als Teenager zurückerinnert. Ein schüchterner Kuss, ein Händchenhalten und die Hormone spielen Achterbahn. Umso intensiver ist aber auch der Schmerz, wenn es zu Ende geht. Jungen reagieren auf diese „Katastrophe“ meist anders als Mädchen. Sie neigen dazu, sich im Schmerz zu vergraben, ihn in sich hineinzufressen, schweigend zu leiden und mit niemandem darüber zu reden. Eltern können dann nur erahnen, was los ist. Hinter dem traurigen Blick des Sohnes, seiner Antriebslosigkeit, dem aggressiven
Aufbrausen bei jeder Kleinigkeit könnte Liebeskummer stecken. Wichtig ist in dieser Situation, dass die Eltern Verständnis und Toleranz zeigen, bei Zornausbrüchen des Sohnes beispielsweise nicht jedes
Wort auf die Goldwaage legen und damit die Lage noch verschärfen. In der Regel tut es dem Sprössling schon in dem Moment leid, in dem er ausfallend wird, auch wenn er zu stolz ist, es zuzugeben.

Mädchen sind in einer solchen Situation in der Regel gesprächiger. Es sind meist die Mütter, die von den Töchtern unter Tränen in den Kummer eingeweiht werden. Sind beste Freundinnen vorhanden, kann es aber auch sein, dass sie den Vorzug erhalten, um sich gründlich auszuheulen. Oft bemerken die Eltern den Liebeskummer ihrer Tochter dann nur an Verhaltensauffälligkeiten: Reizbarkeit, extremes Essverhalten. Entweder essen sie übermässig, um den Frust abzubauen, oder sie essen fast nichts, weil ihr Selbstwertgefühl angeschlagen ist und sie schlanker und attraktiver erscheinen wollen. Auch plötzliche Änderungen am äußeren Erscheinungsbild – grelles Schminken, krasse Klamotten oder das Gegenteil, der
Hang, sich äußerlich gehenzulassen, könnten mit Liebeskummer zu tun haben.

Für die Eltern gilt bei Mädchen wie bei Jungen: Ruhe bewahren und vorsichtig nachfragen, was los ist. Bestätigt sich die Annahme, dass es sich um Liebeskummer handelt, sollte man Sprüche wie „Ist das süss“, „Wie niedlich“, „Lass mal, das wird schon wieder“ unterlassen. Sie signalisieren dem Kind, dass es in seinem Schmerz nicht ernst genommen wird. Wenn einem partout nichts einfällt, ist es besser zu schweigen. Allein die Anwesenheit, das Zuhören ist schon eine Hilfe. Besser ist es, von seinen eigenen Erfahrungen als Teenager zu erzählen, vom ersten Liebeskummer und wie man ihn bewältigt hat. Damit begibt man sich auf Augenhöhe mit dem Kind und es lernt vielleicht, dass sein gegenwärtiger Schmerz nicht den Weltuntergang bedeutet. Und falls das Kind nicht über seine Probleme sprechen möchte, weil es sich damit vielleicht lieber an seine Altersgenossen wendet, ist es dennoch wichtig, seine ständige Gesprächsbereitschaft zu bekunden. Es soll wissen, dass im Ernstfall jemand da ist, der ihm zuhört.

Um den Schmerz zu lindern, können Eltern auch darüber nachdenken, was man dem Sprössling Gutes tun kann: einen Ausflug an einen Ort unternehmen, den er immer schon mal besuchen wollte, einen besonderen Film im Kino anschauen oder auch nur die Lieblingsschokolade neben den Abendbrotteller
legen. Das festigt beim Kind den Eindruck, dass es gemocht wird und diese Welt doch noch Schönes zu bieten hat. Dennoch sollten die Eltern darauf achten, dass ihr Kind über dem Liebeskummer nicht die alltäglichen Abläufe vernachlässigt. Schulbesuch und Hausaufgaben bleiben Pflicht! Das hilft übrigens auch, den Schmerz zu bewältigen, weil man gezwungen ist, sich mit etwas anderem zu beschäftigen als mit seinem Leid.

In den allermeisten Fällen ist der größte Kummer in wenigen Wochen durchgestanden und man hat wieder ein Kind, das ausgeglichener ist. Doch es kann auch Warnsignale geben, dass etwas schiefl äuft: Länger anhaltende „Extremdiät“ der Tochter kann zu Essstörungen führen, längerer Alkoholmissbrauch zu Abhängigkeit. Zieht sich das Kind immer mehr zurück, leidet es unter Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit, könnte eine Depression vorliegen. Haben Eltern den Eindruck, dass ihr Kind den Liebeskummer nicht zu bewältigen vermag, sollten sie sich um professionelle Hilfe bemühen.

Jürgen Magister

u.a. mit folgenden Themen:

- Risiko Kinderspeck
- Lese-Rechtschreib-Schwäche
- Plötzlicher Kindstod

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