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Der besondere IQ

Dass Konrad anders ist, wussten seine Eltern schon früh. Er sprach, bevor er lief und kaum war er in der Schule, konnte er auch schon lesen. Doch dann plötzlich der Einbruch. Mit Beginn der zweiten Klasse bringt er immer öfter schlechte Zensuren nach Hause. Die Lehrer vermuten eine Aufmerksamkeitsstörung. Dass eine Hochbegabung dahinter steckt, ahnt die Familie damals nicht.

Die Kapuzenjacke übergezogen, den Rucksack schräg über der Schulter gehängt, braune Haare und ein wacher Blick, so kommt uns der 11-jährige Konrad entgegen. Konrad begrüsst aufgeregt seine Mama. Etwas zurückhaltender, fast schüchtern, reicht er mir, der unbekannten Journalistin, die Hand. Wir fahren nach Hause. Dort angekommen, kocht Konrads Mutter eine grosse Kanne Tee und dann kann ich endlich meine vielen Fragen loswerden. Wie wurde die Hochbegabung eigentlich entdeckt, will ich wissen.

Angefangen hat es damit, dass die Eltern herausbekommen wollten, warum Konrad plötzlich jegliches Interesse an der Schule verloren hat und die Leistungen in den Keller gerutscht sind, schildert die Mutter. Durch Zufall erfahren die Eltern von der Psychologin Susanne Schindler, die Kinder mit ähnlich auffälligen Verhaltensweisen betreut. Ein Termin wird vereinbart.

Konrad erinnert sich, dass er verschiedene Tests absolvieren musste. Was ihm Spass macht, löst er. Das sind vornehmlich die schweren Aufgaben. Das Ergebnis: Sein IQ liegt über 130 und somit über der Grenze zur Hochbegabung. Aber wie kann es sein, dass ein hochbegabtes Kind schlechte schulische Leistungen zeigt, wollen die Eltern wissen. Die Psychologin, Leiterin des Mitteldeutschen Zentrums für Hochbegabtenförderung, kennt dieses Phänomen nur zu gut. Aufklärung über die Besonderheiten hochbegabter Kinder sind ihr ein besonderes Anliegen.

Endlich haben die Eltern von Konrad eine Erklärung für seinen Leistungsabfall. Er ist unterfordert und schaltet ab.

Als der 11-Jährige von seinem Hobby spricht, strahlt er. Konrad liebt Bücher. Er hat schon alle sieben Bände von Harry Potter gelesen, auch alle drei von Eragon und überhaupt nutzt er eigentlich jeden Abend zum Lesen. Und er singt wie seine ältere Schwester im Kinderchor der Oper Leipzig. Aber da hat er immer mal wieder das Problem mit dem Üben, gesteht er. Wie beim Gitarrespielen. Das ständige Wiederholen langweilt ihn. Sein Gehirn scheint ständig Neues aufnehmen zu müssen. Das Üben passt nicht in dieses Schema.

Anderseits hat er hohe Ansprüche an sich, erklärt die Mutter. Alles soll perfekt sein, was aber ohne Üben oder Auswendiglernen nicht geht. Der innere Druck, unter dem er dadurch steht, ist enorm. Verspielt er sich beim Gitarreüben, streicht er wütend über alle Saiten. Kennt er die Antwort auf die Frage des Lehrers nicht, ist es ihm peinlich. Schliesslich ist er ein kleines wandelndes Lexikon, wie er von sich selber sagt. Konrad weiss und kann vieles, aber bevor er etwas davon preisgibt, muss er sich sicher sein, dass es perfekt wird. Sonst wird er zornig. Die bockigen Reaktionen sind auch für Mitschüler nicht immer leicht zu verstehen, gesteht er. Er hat das als Problem erkannt und versucht damit umzugehen.

Seine Begabungen sind Sprachen und mathematisch-logisches Denken. Doch gerade in Mathe und Latein läuft es gerade nicht so toll. Kopfrechnen muss man üben, ebenso Vokabeln und Grammatik. Da lauert auch schon wieder der Langeweile-Teufel, weiss Konrad. Eine Lehrerin meinte einmal, sein Arbeiten gleiche einer Pendeluhr: Man schubst sie einmal an, sie läuft ein Stück und dann bleibt sie wieder stehen. Die Mutter wirft nachdenklich ein, es sei für sie eine wichtige Erkenntnis gewesen, dass man trotz besonderer Begabungen in unserem Schulsystem scheitern kann. Für Konrad war die BIP Kreativschule der Ausweg. Hier erfuhr er die notwendige individuelle Betreuung. Jetzt besucht er das Gymnasium.

Nicht nur er selber spürt, dass er anders ist, sondern auch die anderen Kinder. Da gibt es schon mal Reibereien und Hänseleien. Er denkt kurz nach und bemerkt ganz sachlich, dass es bei den meisten Kindern ein festes Bild gibt: Jungen mögen Fussball und Jungendinge eben. Dieses Bild bedient er nicht. Konrad stellt lakonisch fest, dass es in einer Klasse nun mal so ist: Wenn man sich nicht anpasst, ist man eigentlich gleich Opfer. Sportlich ist er zum Beispiel überhaupt nicht. Auch wenn er sich noch so anstrengt. Er würde es gern können und damit auch dazugehören. Aber Konrad weiss, das funktioniert nicht. Er würde seinen eigenen Ansprüchen nicht genügen und somit lässt er es lieber gleich.

Seine Klassenlehrerin hat wegen der Hänseleien ein ernstes Wort mit den Kindern gesprochen und mittlerweile ist Konrad in seiner Klasse akzeptiert. Vielleicht sogar mehr als das. Er wird zunehmend integriert und hat Freunde gefunden. Die sind nicht hochbegabt.

Antje Hollstein

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Wohin mit der Wut?
- Helfende Pfötchen
- Naturerlebnis Wildcamps

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