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Das Ende der „Erziehung“ – über seinen Lernerfolg entscheidet vor allem das Kind

Kinder lernen voneinander.

Nicht erst seit der ersten großen PISA-Studie vor zwölf Jahren wird im
Bildungssystem experimentiert und reformiert. Vieles ist in der Diskussion:
acht oder neun Jahre Gymnasium, jahrgangsübergreifende Klassen,
Schreiben nach orthographischen Regeln oder nach Gehör…

Zahlreich sind in Bildungsfragen die Ansichten und  Ansätze und die Auseinandersetzungen darüber heftig, weil nicht selten ideologiebehaftet. Auch der renommierte Kinderarzt und Kindheitsforscher Remo H. Largo hat mit seinem neuesten Buch nun einen Beitrag zur allgemeinen Bildungsdebatte vorgelegt. Er geht darin der Frage nach: „Wer bestimmt den Lernerfolg: Kind, Schule, Gesellschaft?“ Auf der Grundlage empirischer Untersuchungen gelangt er dabei zu verstörend einfachen Antworten. Einige Bedeutung schreibt Largo der Familie zu: Der Bildungs- und Berufsstand der Eltern und die Anregungen, die sie geben, sind einflussreiche Faktoren. Doch die „Peergroup“, also die soziale Bezugsgruppe der gleichaltrigen Schüler, ist ungefähr ähnlich wichtig wie die Familie: Eine gute Integration in der Klasse erhöht den Lernerfolg. Mobbing oder gar Gewalt mindert ihn.

 

Auf den Lehrer kommt es an!

Für den Lernerfolg der Kinder kommt es allerdings vor allem auf einen an: den Lehrer. Sein Einfluss ist wichtiger noch als der von Eltern und Gleichaltrigen und übertrifft sogar die Faktoren des schulischen Umfelds. Seine Fähigkeiten, Motivation und Kompetenz entscheiden darüber, ob sich die Kinder anstrengen und mit Begeisterung dabei sind. Er ist dafür verantwortlich, was und wie die Schüler lernen. Dass er jeden Schüler genau im Blick hat, ist dafür unabdingbar. Denn Kinder bleiben nur motiviert, wenn sie genau verstanden haben, was man von ihnen will. Ein Lehrer muss deshalb unentwegt selbstkritisch überprüfen, ob ihm die Schüler folgen können und versuchen, seinen eigenen Unterricht auch mit den Augen der Schüler zu sehen. Idealerweise begreife er sich selbst als Lernenden, gibt Largo die Auffassung des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie wieder, und fordere dazu immer wieder ein Feedback von den Kindern ein. Methoden seien eher zweitrangig, wichtig sei, dass die Schüler ausreichend  selbst zu Wort kommen. Stoffwissen dürfe nicht einfach verabreicht werden, es müsse sichergestellt werden, dass die Schüler sich den Stoff auch wirklich erarbeitet und begriffen haben, statt ihn bloß auswendig zu lernen.

 

Kinder sind von sich aus Lerngenies

Es ist, schreibt Largo, vor allem und in erster Linie das Kind, das über den Lernerfolg entscheidet. Jedes Kind ist aufgrund seiner Veranlagungen einzigartig. Die Aufgabe von Eltern und Lehrern besteht aus Largos Sicht nicht darin, das Kind zu „erziehen“, sondern ihm die Möglichkeit zu bieten, seine individuellen Fähigkeiten maximal zu entfalten. Dem „kann die Schule nur durch eine konsequente Individualisierung des Unterrichts gerecht werden“, fordert Largo. Wenn der Lehrer nicht auf den einzelnen Schüler eingeht, leidet ein erheblicher Prozentsatz der Schüler an Über- oder Unterforderung. Enttäuschungen und Versagensgefühle sind vorprogrammiert. Dabei wollen alle Kinder lernen. Sie sind von sich aus Lerngenies, schreibt Largo. Das zeige sich  schon daran, wie sie sich ein hochkomplexes System wie die Sprache aneignen. So wie Kinder dabei vorgehen – aktiv, selbstbestimmt und auf eigenen Erfahrungen basierend – so müsse auch das Lernen in der Schule sein. Nachhaltiges Lernen bestehe darin, dass durch eigenständige Erfahrungen neues Wissen und neue Fähigkeiten mit vorhandenem Wissen und vorhandenen Fähigkeiten zusammengeführt werden. Eltern sollten dabei vor allem beherzigen, dass Kinder nur lernen können, wofür sie schon reif sind. Auch individuelle Veranlagungen spielen eine Rolle. Besonders Akademikereltern tun sich aus Largos Sicht häufig schwer zu akzeptieren, dass ihr Kind  vielleicht nicht die Veranlagungen hat, die sie gerne bei ihm sehen würden. Auch hier vertritt Largo die Ansicht: Das Kind ist das Maß der Dinge, seine Stärken gilt es zu fördern und seine Schwächen zu akzeptieren.

von Barbara Legner-Meesmann

Themen im aktuellen Heft sind u.a.:

- Vorsicht vor Fremden im Netz!
- Physik-WM in Peking
- Neurofeedback

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